Ok, wir sind Antifaschisten aus dem Ruhrgebiet, einer alten Industrieregion in NRW, Deutschland.
Wir kommen aus Bochum. Einer Stadt im Westen. Tief im Westen, wie wir hier sagen.

Naja, und wir haben im Dezember 2008 hier ein Graffiti hingelegt, zudem wir noch Einiges zu erzählen haben.
Seit Jahren schon verfolgen wir die Nachrichten, dass nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen europäischen Ländern die Zahl der faschistischen und rassistischen Morde immer mehr werden. MigrantInnen, JüdInnen, Schwule und Lesben, Obdachlose, alternative Jugendliche, GewerkschaftlerInnen und natürlich AntifaschistInnen sind das Ziel des großen und der kleinen Nazimobs.
Längst schon hat sich die bürgerliche Presse und das was sich Normalverbraucher schimpft damit arrangiert, das ihre unartigen Söhne und Töchter losziehen und andere Menschen, die nicht in ihr Bild passen, ermorden. Arrangiert vor allem, weil diese Menschen auch nicht in ihr Weltbild, in das Weltbild des bürgerlichen mainstreams, passen.

Wir sind aktive AntifaschistInnen. Und wir bemerken, dass nach MigrantInnen und Randgruppen auch uns immer mehr der Hass der Nazis und der bürgerlichen Mitte entgegen schlägt. AntirassistInnen und AntifaschistInnen sind die, die immer wieder mahnen, kritisieren und sich Faschismus, Rassismus und der bürgerlichen Gleichgültigkeit entgegenstellen. Und dafür läßt uns diese saubere Gesellschaft einen hohen Preis bezahlen:
Diffamierung seitens der Presse, Verleumdung seitens der demokratischen Volksvertreter, Übergriffe seitens der Polizei, Verfolgung seitens der Justiz und natürlich die von allen Seiten so verharmlosten Überfälle der Nazis.

In den letzten Jahren sind immer mehr antifaschistische Jugendliche Opfer faschistischer Mordanschläge geworden. Und das europaweit.
Allen von ihnen war gemeinsam, dass sie, wie wir auch, Teil einer jugendlichen widersprüchlichen Kultur sind. Das sie sich weder mit den kapitalistischen Gegebenheiten und dem Rassismus, noch mit dem Aufkommen von faschistischen Gruppen und Parteien arrangieren konnten und wollten. Sie waren trotz aller kulturellen, sprachlichen und sonstigen Unterschiede und Differenzen wie wir.
Jeder von ihnen war „uno di noi“ – „Einer von uns“.

Und deswegen haben wir das Graffiti gemalt. Um uns an sie und um euch an sie zu erinnern.
Wir glauben, dass sie geträumt haben von einer besseren Welt. Und das sie sich, fehlerbehaftet wie wir auch, dafür eingesetzt haben. Das sie gekämpft haben für ihre Träume.
In das was wir schaffen werden in unseren Anstrengungen, in unseren Kämpfen für eine bessere Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung, darin werden sie weiterleben.

Träume verbinden Vergangenes mit Gegenwärtigem und zeigen in die Zukunft. Träume sind phantastisch grenzüberschreitend, irritierend irrational, beunruhigend konfrontierend, belustigend aufklärerisch, zutiefst unmoralisch begehrlich, einfach subversiv.
Und nur mit den Erfahrungen aus vergangenen Auseinandersetzungen und Kämpfen, lassen sich unsere Kämpfe von heute zu Siegen in der Zukunft wenden.
Niemand und Nichts wird vergessen.
In diesem Sinne haben wird das Graffiti: „In unseren Träumen und Kämpfen leben sie weiter“ genannt.“

Jan Kucera, der ganz links außen zu sehen ist, war ein Antifaschist aus Pribram bei Prag.
Er wurde am 18. Januar 2007 von Nazis ermordet. Jan zählte sich zu den Skinheads against racial prejudice, den SHARP – Skins.
Am Abend seiner Ermordung saß er mit seinen Freunden und GenossInnen in einer Kneipe, in der sie von Nazis provoziert wurden. Das endete in einer Auseinandersetzung, bei der die Antifas von den Nazis durch die Straßen gejagt wurden. Jan und seine Freunde flohen in ein Treppenhaus. Die Nazis kamen hinterher. Einer von ihnen lauerte Jan eine Etage tiefer mit einem Messer auf und stach auf ihn ein, als es zu einem Kampf kam.
Jan starb noch am selben Abend. Er wurde nur 18 Jahre alt.
Der Mord rief europaweite Solidaritäts- und Trauerdemonstrationen hervor, darunter auch eine hier in der Nachbarstadt Essen.

Daneben sehen wir Feodor Filatov. Er wurde am 10. Oktober 2008 von vier Unbekannten erstochen, als er aus seiner moskauer Wohnung kam. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei den Tätern um Nazis. Der 27jährige Feodor hatte eine tragende Rolle bei dem Aufbau antifaschistischer und antirassistischer Strukturen unter den Moskauer Skinheads inne. Er gehörte zu den Trojan Skins. Das sind Skinheads, die explizit antirassistisch sind. Das machte ihn zum Ziel faschistischer Bedrohung. Kurz vor dem Mord berichtete er FreundInnen noch, dass er sich überwacht und ausgespäht fühlte.
In Russland geschehen die meisten rassistische und nazistischen Morde.
2006 wurden in Russland 62 Nazimorde gezählt, 2007 dann 76 Morde und bis März 2008 geht man von 49 Morden aus. Dieser Terror richtet sich gegen MigrantInnen, Linke, AntifaschistInnen. Aber auch gegen völlig unpolitische BügerInnen.
Zuletzt wurden am 19 Januar diesen Jahres der Anwalt Stanislaw Markelow und die Journalistin Anastasia Baburova von der Novaja Gaseta, beides Antifaschisten, auf offener Straße erschossen.
Für Feodor schafften wir es nicht eine Kundgebung zu organisieren. Für Anastasia Baburova und Stanislaw Markelow demonstrierten wir am 7. Februar diesen Jahres vor dem russischen Konsulat.

In der Mitte sieht man Davide Cesare, auch Dax genannt. Davide kam aus Mailand und gehörte zu dem Umfeld der BesetzerInnen des O.R.S.O.. Orso heißt auf Italienisch Bär und es war ein von linken Skins, Punks und Fußballfans besetztes altes Gebäude. Im März 2003 geriet Davide mit einem italienischen Faschisten aus diesem Stadtteil aneinander. Sie schrien sich an. Ein paar Nächte später, am 16. März lauerte dieser Faschist mit seinen Söhnen Davide auf.
Dax war mit ein paar Freunden im Stadtteil Pizza essen gewesen und auf den Weg in einen Park, als die drei Faschisten auf sie los stürmten und immer wieder mit Messern auf sie ein stachen.
Dann flohen sie.
Vielleicht hätte Dax die Messerattacke überlebt, hätten die Carabinieris nicht seinen Abtransport verzögert. Schon da kam es zu heftigen Protesten seitens anderer Barbesucher und Anwohner gegen das Verhalten der Polizei. Als die FreundInnen das Hospital San Paolo di Milano erreichten, mußten sie erfahren, dass Dax verstorben war und ein weiterer Freund von ihnen einer Notoperation unterzogen wurde. Die Empörung und Aufregung über das Polizeiverhalten war groß. Die Polizei beantwortete die Proteste indem sie vor und im Hospital die FreundInnen von Dax brutal zusammenschlug. Die Polizei benutzte dabei auch Baseballschläger und verfolgte die Leute bis auf Krankenstationen, wo diese sich verstecken wollten. Die Filmaufnahmen die ihr hier seht, sind Aufnahmen von AnwohnerInnen, die von ihren Fenstern das Ganze filmten. Dax wurde 26 Jahre alt und hinterließ eine Tochter.
Am 7. Mai 2009 wurden zwei Freunde von Dax, die vor dem Krankenhaus geschlagen worden waren, zu 20 Monaten Gefängnis verurteilt. Und zu einer Geldstrafe von 130000 Euro an die Polizei. Die Polizisten wurden freigesprochen.

Wie man unschwer am Namen erkennen kann, kam Renato Biagetti auch aus Italien. Am 28. August 2006 wurde er in Focene, einem Außenbezirk von Rom ermordet. An diesem Abend kam er in Begleitung seiner Freundin und eines Freundes aus einer Disco am Strand. Hier hatte ein Reggae Dancehall stattgefunden. Renato stand auf Reggae und war ein leidenschaftlicher DJ für elektronische Musik. Nun steht diese Stranddisco in Focene in dem Ruf, dass es der einzige Ort in diesem von Rechten dominierten Stadtteil ist, wo auch linke Jugendliche hingehen. Als Renato mit seinen Freunden zum Auto ging fuhren zwei junge Faschisten heran, beschimpften sie, stiegen aus und attackierten sie mit Messern. Renato starb im Alter von 26 Jahre.
Bis heute bestreiten Teile der Medien und der Institutionen den rechte Hintergrund der Tat. Obwohl der Täter ein faschistisches Keltenkreuz mit der Parole „Kraft und Ehre“ auf seinem Arm tattooviert hat. Seine Freunde und FreundInnen betreiben eine rege Aufklärungs- und Gedächtnisarbeit. Dabei gedenken sie an Renato unter seinem Künstlernamen und -logo „Renoize“. Unter diesem Namen haben sie auch in dem Sozialzentrum „Acrobax“ in Rom ein Tonstudio für den Support von Newcomer-Bands eingerichtet. So wollen sie die künstlerische und musikalische Leidenschaft von Renato weiter tragen und sich seiner erinnern. Durch die Anschubhilfe junger Musiker und Bands. Wir verwenden hier in unserem Graffity auch das Symbol von Renato, das Renoize-Zeichen.

Carlos Javier Palomino, der zweite von rechts, war ein 16-jähriger Antifa aus Madrid. Auch er zählte zum Umfeld linker Skinheads.
Carlos wollte am 11. November 2007 an einer Demonstration gegen den Aufmarsch der faschistischen Democracia Nacional teilnehmen. In der U-Bahn, auf dem Weg dorthin, wurden er und seine Freundinnen und Freunde von einem rechtsradikalen Berufssoldaten an ihren Buttons als Antifaschisten identifiziert.
Der 26-jährige Nazi zog unbemerkt von Carlos ein Jagdmesser und stach ihm unvermittelt ins Herz. Drei weitere Freunde von Carlos verletzte er zum Teil schwer.
Carlos starb kurz darauf.
Als die Nachricht von Carlos Tod auf der Antifa-Demo bekannt wurde, versuchten die Antifas vehement den Naziaufmarsch zu verhindern. Sie wurden aber von der Polizei mit Gummigeschossen aufgehalten.
Der Mord an Carlos wurde in der Presse verdreht und verharmlost. In Deutschland schrieb der SPIEGEL den antifaschistische Jugendlichen eine Mitschuld zu. Und erhöhte das Alter von Carlos von einem Teenager zu einem jungen Erwachsenen.
Eine Woche nach dem Mord organisierten wir hier in Bochum eine Demonstration zum Gedenken an Carlos.

Das Bild an der äußersten Seite zeigt den russischen Musiker Timur Kacharava. Er wurde am 13. November 2005 von Nazis in St. Petersburg erstochen. Er war Student der Philosophischen Fakultät St.Petersburg, spielte in zwei linken Band und beteiligte sich an verschiedenen politischen Aktionen, war antifaschistisch aktiv. An diesem Tag nahm er mit einem Freund an einer Veranstaltung der sozial engagierten Gruppe „food not bombs“ teil. „food not bombs“ ist eine Gruppe, die kostenlos Essen an Obdachlose verteilt.
Nach der Veranstaltung ging die Gruppe in eine Bar an einem großen Platz. Timur und ein Freund kamen kurz darauf noch einmal vor die Tür, um eine Zigarette zu rauchen.
In diesem Moment wurden sie von 10 bis 12 Naziskins mit Messern angegriffen. Ihre Angreifer mussten die Gruppe ausspioniert haben. Sein Freund Maksim Zgibaj wurde schwer verletzt. Timur erhielt fünf gezielte Messerstiche in den Hals und verstarb noch an der Stelle des Überfalls. Timur wurde gerade einmal 20 Jahre alt.

Ganz links im Bild sieht man Thomas Schulz. Wir haben ihn extra dorthin gesetzt, damit man ihn von der Straße aus gut sehen kann.
Thomas oder besser Schmuddel war ein Punk aus unserer Nachbarstadt Dortmund. Er ist wohl der Älteste von allen hier Proträtierten. Er war 31 Jahre alt, als ihn ein 17 jähriger Nazi-Skin feige erstach. Am 28. März 2005 war Thomas mit befreundeten Punks auf dem Weg zu einem Konzert. In der U-Bahn-Station Kampstraße begegneten sie bei den Rolltreppen, den in Gegenrichtung fahrenden Nazi-Skin Sven Kahlin und dessen Freundin. Es kam zu einem verbalen Schlagabtausch. Als der Nazi sie aufforderte sich ihm zu stellen, war es allein Thomas, der ihm nachging und ihn wegen seiner nationalsozialistischen Gesinnung zur Rede stellte. Was Thomas, der besoffen war, nicht mitbekam, war, das Sven Kahlin längst ein Messer mit einer 15 cm langen Klinge gezogen hatte und dieses vor ihm verbarg. Als die U-Bahn einfuhr drehte sich Kahlin nicht einfach um und bestieg sie. Statt einfach nach Hause zu fahren, stieß er Thomas das Messer bis zum Heft in die Brust. Zielgenau wurde das Herz von Thomas durchbohrt.
Thomas hinterließ zwei Kinder.
Bis heute weigert sich die Stadt Dortmund eine Gedenkplakette zur Erinnerung an Thomas Schulz anbringen zu lassen. Die CDU will keinen Wallfahrtsort für Links- und Rechtsextremisten an der Kampstraße entstehen sehen!
Shame on you!

Die Nazi-Szene feierte den Mord an Thomas als Heldentat. Der bekannte Nazi, Siegfried Borchert, veröffentlichte einen Text mit der Überschrift „No tears for punks“ – „Keine Tränen für Punker“. Und andere Nazis plakatierten Parolen wie „Wer der Bewegung im Weg steht, muß mit den Konsequenzen leben“.

Ihnen Allen sei gesagt: Nichts ist vergessen! Und Nichts ist vergeben!



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