„Alles ist an seiner Stelle, nur die 16 Jahre alte Katze läuft herum“
So beschreibt die Mutter von Timur Kacharava das Zimmer ihres Sohnes, das sie so belassen hat, wie er es am Tag seiner Ermordung, dem 13. November 2005, verlassen hatte. Bevor der junge Antifaschist das elterliche Haus in St. Petersburg verließ, bat er noch seine Eltern, im Umfeld ihrer Wohnung nach Unbekannten Ausschau zu halten. Irina Kacharava „Mein Herz hat mich damals nicht gewarnt“. Drei Stunden später war ihr Sohn tot. Erstochen von einem faschistischen Rollkommando.
Am Dienstag den 15. September 2009 führten Mitglieder des Bochumer Polit-Cafès Azzoncao ein Interview mit Irina Katcharava in St. Petersburg. Frau Kacharava ist Deutschlehrerin an einer Privatschule und Mutter des im November 2005 in St. Petersburg ermordeten 20jährigen Philosophiestudenten Timur Kacharava.
Timur Kacharava war Musiker zweier bekannter Hardcore- und Punkbands und als veganer anarchistischer Aktivist bei den Aktionen antifaschistischer Gruppen, sowie der Gruppe „food not bombs“ beteiligt. Am Abend des 13. November 2005 wurden er und ein Freund nach einem Stand der Gruppe „food not bombs“ von einer ca. 12 köpfigen Gruppe von Nazis angegriffen. Sein Freund Maksim Zgibaj wurde schwer verletzt. Timur überlebte die gezielten Messerstiche zu seinem Hals nicht. Er verstarb noch an der Stelle des Überfalls.

Zunächst traute Frau Kacharava es sich nicht zu, dass Interview in Deutsch zu führen. Sie meinte, sie könne über Timur nur in Russisch sprechen. Schließlich wurde das Interview doch in deutscher Sprache geführt.
Die Emotionalität ist im Originalinterview sehr wohl zu merken. Auch an Hand der gebrochenen Sprache. Frau Kacharava bat uns, Glättungen vorzunehmen, um das Interview lesbarer zu machen. Diesem Wunsch kamen wir nach und legten Frau Kacharava das Interview noch einmal zur Einsicht vor.

-------------------------------------------------

Azzoncao: Frau Kacharava, bitte stellen Sie sich vor.

Irina Kacharava: Ich möchte es so sagen, wie es auch die FreundInnen von Timur sagen. Ich bin die „Mutter von Timur“ oder auch „Timurs Mama“. Er selbst wurde von ihnen Timur oder Timka genannt.

Azzoncao: Sie sind hier in St. Petersburg als Deutschlehrerin tätig?

Irina Kacharava: Ja, an einer Privatschule. Mein Mann war Offizier der russischen Armee. Wir sind seit 30 Jahren miteinander verheiratet und sind viel gereist. Deswegen musste Timur immer wieder Kindergärten und Schulen wechseln. Es war schwer für ihn. Seit 1992 sind wir in St. Petersburg. Erst haben wir in einem Bezirksheim gewohnt, bevor wir die Wohnung von der Stadt bekamen. In diesem Bezirk ist Timur auch zur Schule gegangen.
Er schrieb kurze Geschichten und Erzählungen über sein jugendliches Leben und wir dachten er würde einmal Journalistik studieren. Aber er wollte Philosophie studieren. Zu unserer Verwunderung, aber auch zu unserer Freude.
Er begann auch Chinesich zu studieren. Das hatte vielleicht etwas mit der Sichtweise seines Lebens zu tuen.
Als er ein Kind war, malte er sehr gern. Er besuchte eine Sportschule und war sehr aktiv. Er war wissbegierig und neugierig und als er ca. 10 Jahre alt war begann sein Interesse an Musik. Er war später Mitglied in mehreren Bands. Über eine Musikzeitschrift hatte er ein Inserat aufgegeben, dass er Musikfreunde suchen würde. Diese hat er gefunden und seine erste Band mit ihnen gegründet. Musik wurde zu einem Hauptbestandteil in seinem Leben. Er hatte diese Musikfreunde gesucht und gefunden. Sie waren fünf, sechs Jahre älter als er selbst. Aber sie teilten die gleichen Ansichten.
Als er ca. 14 Jahren alt war, hat er von einem Tag auf den anderen aufgehört Fleisch zu essen. Er sagte, er wolle seine Probleme selber lösen, nicht durch das Leben der Tiere. Von jetzt an wolle er nie wieder Fleisch essen und ich habe ihn auch nie wieder davon reden hören, dass er Appetit hätte Fleisch zu essen. Er war sehr stringent. Was er gesagt hat, hat er auch gemacht. Gesagt – gemacht. Er aß kein Fleisch und trug auch keine Sachen aus Wolle. Die inhaltliche Ausrichtung seiner Band Sandinista war auch nach diesen Prinzipien. Alle aßen kein Fleisch, trugen keine Wolle und besangen dies auch in ihren Texten. Sie sangen das, was und wie sie gelebt haben.



-->