Azzoncao erreichte, dass über einen journalistischen Kontakt das Urteil über den Mörder von Thomas Schulz, Sven Kahlin, der Öffentlichkeit via der Rechtsprechungsdatenbank Nordrhein-Westfalen (NRWE) zugänglich ist. Unter dem Kürzel : 14 (I) K 3/05 ist das gut 15 seitige Dokument zu finden.


Landgericht Dortmund, 14 (I) K 3/05
Datum: 17.11.2005
Gericht: Landgericht Dortmund
Spruchkörper: I. große Strafkammer
Entscheidungsart: Urteil
Aktenzeichen: 14 (I) K 3/05

Der Angeklagte wird wegen Totschlags unter Einbeziehung des Urteils des Amtsgerichts Dortmund vom 17. März 2005 (67 Ds 155 Js 481/04 = 31/05) zu einer einheitlichen Jugendstrafe von sieben Jahren verurteilt. Von der Auferlegung von Kosten und Auslagen des Verfahrens wird abgesehen.- §212 StGB, §§1, 3 JGG-

Gründe:

I. Der am 25.10.1987 in M geborene Angeklagte ist als der älteste Sohn der Eheleute L mit einem 5 Jahre jüngeren Bruder im Elternhaus aufgewachsen. Die Eltern trennten sich, als der Angeklagte ca. 7 Jahre alt war. Die Mutter bekam das alleinige Sorgerecht. Im Jahre 1999 heiratete die Mutter des Angeklagten erneut, nachdem der zweite Ehemann schon einige Zeit zuvor mit der Familie zusammen gewohnt hatte. Die Scheidung dieser Ehe erfolgte im Jahre 2003. Der zweite Ehemann der Mutter nahm bei dem Angeklagten nicht so sehr eine Vaterrolle ein, der Angeklagte sah ihn mehr als „Kumpel“. Zu seinem leiblichen Vater, welcher nach F verzog, hatte der Angeklagte zunächst sporadisch, später überhaupt keinen Kontakt mehr. Der Angeklagte hielt sich viel bei seinen Großeltern mütterlicherseits auf, welche einen Ponyhof in E betrieben. Der Angeklagte half dort aus, und bekam dafür auch Taschengeld vom Großvater. Die Mutter des Angeklagten betrieb einige Jahre lang diesen Ponyhof zusammen mit ihrem Vater. Nach dem Tod der Großmutter im Jahre 2001 kam es zu einem Zerwürfnis der Mutter mit dem Großvater. Die Mutter des Angeklagten verzog mit ihren Söhnen nach E2. Dort lebten die Familie zunächst von Sozialhilfe, bis die Mutter eine Arbeitsstelle in einem Call-Center fand, zunächst nur für halbe Tage, dann aber, als ihre Söhne schon größer waren, für volle Tage. Der Angeklagte selbst hat mit seinem Großvater weiterhin ständigen Kontakt. Auch nach dem Umzug hielt er sich zeitweise dort auf und half auf dem Ponyhof, wo er noch ein eigenes Zimmer im Haus des Großvaters hatte. Der Angeklagte wurde zunächst altersgemäß in die Grundschule eingeschult. Schon dort fiel er durch unbeherrschtes Verhalten auf. Nach vier Jahren wechselte er zur Gesamtschule. Dort war er aber nur einige Monate, weil er dort von Anfang an nicht lernte und auch keine Hausaufgaben machte, so dass er im Unterricht nicht mitkam. Er wechselte zur Hauptschule in E3. Dort verschlechterten sich seine Leistungen dermaßen, dass er die 6. Klasse wiederholen musste und schließlich mit Beginn der 7. Klasse wegen massiver Verhaltensauffälligkeiten in die U-Schule für Erziehungshilfe umgeschult wurde. In der Hauptschule hatte der Angeklagte zahlreiche negative Erlebnisse mit ausländischen Mitschülern. Er befand sich damals in einer Klasse mit überwiegend ausländischen Mitschülern, zeitweise gab es nur drei Deutsche in der Klasse. Der Angeklagte wurde von den ausländischen Mitschülern oft verprügelt, z. B. wurde er um Zigaretten erpresst. Die „Abzieherei“ war im Schulalltag üblich. Der Angeklagte, welcher eine Zahnspange tragen musste, wurde von seinen Mitschülern dermaßen attackiert, dass die Zahnspange ihm aus dem Mund rausgeschlagen wurde und defekt war. Als der Angeklagte nach einem Beinbruch mit einem Stock in die Schule gehen musste, wurde er ebenfalls geschlagen. Er war auch Beschimpfungen, z. B. als „Scheiß Deutscher“ ausgesetzt. Teilweise hatte der Angeklagte Angst, in die Schule zu gehen und machte auch aus diesen Gründen manchmal „blau“. Der Angeklagte fand schließlich Anschluss an deutsche Jugendliche der rechten Szene. Es hatte sich inzwischen bei ihm ein ausländerfeindliches Bild verankert. Auch seinem Outfit nach bekannte sich der Angeklagte, z. B. durch das Tragen von Springerstiefeln und T-Shirts mit ausländerfeindlichen Aufdrucken oder anderen rechten Inhalten, ausdrücklich zur rechten Szene. Wie es in der rechten Szene üblich war, bezeichnete er damals auch schon Ausländer als „Zecken“. Die negative Entwicklung seiner schulischen Leistungen und seines Sozialverhaltens in der Schule setzte sich nach seinem Wechsel in die U-Schule fort. Auch dort zeigte er nur sehr mangelhafte Schulleistungen bei zahlreichen Fehlstunden und fiel durch Aggressionspotential und problematisches Konfliktverhalten auf. Die 7. Klasse musste er wiederholen und wurde schließlich im Sommer 2004 mit einem Abgangszeugnis nach der 7. Klasse entlassen. Der Angeklagte absolvierte danach ein Betriebspraktikum mit begleitendem Berufschulunterricht zur Erfüllung seiner Schulpflicht. In seinem Praktikumsbetrieb war man mit seiner Leistung und seinem Verhalten gegenüber den übrigen Mitarbeitern sehr zufrieden. Auch sein Sozialverhalten innerhalb der Familie und dem familiären Umfeld war nicht zu beanstanden. Im Laufe der Zeit war der Angeklagte immer mehr in der rechten Szene der Skinheads in E4 verankert, auch gehörte er der „Kameradschaft M“ an. Er war ein anerkanntes und respektiertes Mitglied der Szene und identifizierte sich mit deren Werten und Zielen. Zu seinem Feindbild gehörten u. a. auch Punker, weil diese „links“ waren. Diese bezeichnete er ebenfalls als „Zecken“, wie es in der Szene üblich war. Zur Demonstration seiner Zugehörigkeit zur Skinheadszene ließ er sich in großen altdeutschen Buchstaben den Schriftzug „Skinhead“ am Rücken tätowieren. Der Angeklagte trank seit seinem 15. Lebensjahr Alkohol. Mit Freunden in E trank er beinahe täglich Alkohol, meist Bier und auch Schnaps.



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