Ende August 2008 waren einige Mitglieder von Azzoncao in Rom, um die Familie, FreundInnen und GenossInnen von Renato Biagetti zu interviewen. Die Antifas von Azzoncao trafen in dem besetzten Sozialzentrum „Acrobax“ Dario, den Bruder von Renato. Das „Acrobax“ befindet sich in den Gebäuden der ehemaligen Hunderennbahn an der via della Vasca Navale 6. Hier verkehrte Renato und ging seinem Hobby als DJ für elektronische Musik nach. Sein Bruder Dario, ein ehemaliger Rugby-Profi, trainiert dort die Rugby Männer- und Frauenmannschaft des Sozialzentrums, die „All Reds“.
In der Redaktion des Radio „ondarossa“, in der via dei volsci 56 im Stadtteil San Lorenzo, interviewte Azzoncao am folgenden Tag die beiden Mitglieder der antifaschistischen Sendung „maldestra“ Paolo und Enrico. Dieser Teil ist noch nicht niedergeschrieben und wird demnächst veröffentlicht.
(Wir weisen darauf hin, dass wegen der Übersetzung das gesprochene Wort etwas „eingedeutscht“ wurde. Also Begriffe und Ausdrücke umgangssprachlich niedergeschrieben wurden. Das verschriftliche Interview wurde der römischen Übersetzerin und den Interviewten zur Absegnung noch einmal vorgelegt.
Des weiteren haben wir uns nur auf die Niederschrift des Gesagten konzentriert. Wie Dario auf die Fragen reagierte und wie er gesprochen hat, war weit emotionaler, als der hier wiedergegebene Text es erscheinen lassen.)

Hier der 1. Teil des Interviews.

Azzoncao: Ciao Dario, würdest Du bitte erzählen, was genau vor zwei Jahren passierte?

Dario: Mein Bruder war mit seiner Freundin Laura und einem Freund zu einer Reggaeparty am Strand im Stadtteil Focene. Als die Party zu Ende war, verließen sie den Strand und gingen zu ihrem Auto. Auf der Straße fuhr ein Auto an sie heran. Die beiden Insassen fragten sie, ob sie aus Rom kämen und die Party zu Ende sei. Sie bejahten. Daraufhin wurden sie von den zwei Insassen aggressiv angemacht, was sie dann noch hier zu suchen hätten. Die Beiden stiegen mit Messern in den Händen aus und griffen Renato und seinen Freund an. Renato bekam acht Messerstiche, sein Freund zwei Messerstiche ab. Beide Täter flohen daraufhin. Was deswegen etwas merkwürdig war, weil einer der Täter in genau der Straße wohnte, wo der Übergriff stattfand. Renato wurde in das Krankenhaus von Ostia gebracht, wo er starb.

Azzoncao: Wer waren die Täter?

Dario: Es waren zwei sehr junge Männer. Einer war 19 Jahre, der andere 17 Jahre alt. Sie kommen aus dieser Zone Fiumicino aus dem Umland Roms, das stark geprägt ist von einem faschistischen Milieu. Sie hatten Kontakt zu dieser faschistischen Kultur und den Neigungen, die sich jetzt auch beginnen in Rom selbst auszubreiten.
In Fiumicino und Focene stellt dieser Ort am Strand der einzige Ort dar, der nicht als rechts gilt. In dem Linke, von ihnen Zecken genannt, verkehren. Und so wußten sie ganz genau, was sie taten, als sie dort hinkamen.

Azzoncao: Waren es organisierte Faschisten?

Dario: Nein. Sehr wahrscheinlich war das einzige Ziel was sie an diesem Abend hatten, jemanden Linken anzugreifen. Und für den 17 Jährigen war es auch wohl das erste mal, dass er an so etwas beteiligt war.

Azzoncao: War es der 17 Jährige, der deinem Bruder die tödlichen Stiche versetzte?

Dario: Ja, es war der 17 Jährige, der meinen Bruder erstach.

Azzoncao: Die Täter flohen. Wie wurden sie gefasst?

Dario: Es kam von Anfang an zu Merkwürdigkeiten in den Ermittlungen. Zunächst, dass die Täter nicht schnell indentifiziert wurden. Dabei ist es eine sehr kleine Zone dort, einer von den Beiden hat eine sichtbare Gehbehinderung und schließlich wohnte einer von ihnen noch in der gleichen Straße. Trotz all dieser Umstände konnten die Ermittlungsbehörden die ersten drei Tage die Täter nicht ausfindig machen. Währendessen ermittelten wir das Autokennzeichen des Täterfahrzeugs.
In diesen drei Tagen hatten die Täter versucht außer Landes zu kommen. Sie wollten nach Santo Domingo. Einem Land mit dem kein Auslieferungsvertrag mit Italien besteht. Umgehend nach der Mord hatten sie sich zwei Tickets in einem Reisebüro gekauft. Gleichzeitig haben sie aber die Angestellte gefragt, ob man in Santo Domingo für 60000 Euro ein Haus kaufen könnte. Das erregte den Verdacht der Angestellten, die die Guardia di Finanza von diesem Gespräch unterrichtete. Diese leitete Ermittlungen ein.
Daraufhin stellte sich der 19 Jährige der Polizei. Wie wir heraus bekamen, ist dieser 19 Jährige der Sohn eine Marechallo, eines führenden Polizisten aus Ostia, der auch mit den Ermittlungen in dem Mord an meinem Bruder betraut war. Wir denken, dass dieser Polizist versuchte seinen Sohn so lange wie möglich zu beschützen und zur Flucht zu verhelfen. Als aber eine andere Polizeidienststelle Ermittlungen aufnahm, riet er seinem Sohn sich zu stellen. So stellte sich der Sohn mit einem Anwalt der Polizei. Dieser Anwalt ist sehr bekannt. Er ist ein Ex-Polizist und verteidigt oft Polizisten vor dem Gericht. Der 19 Jährige behauptete, dass er es gewesen sei, der Renato getötet habe und auch als Einziger ein Messer dabei gehabt hätte. Das Versteck des Messers gab er den Beamten preis. Er gab auch den Namen des Jüngeren an. Behauptete aber, dass dieser kein Messer dabei gehabt habe.
Zur selben Zeit gab es in der Presse Erklärungen von den Ordnungskräften und von dem ehemaligen Bürgermeister Walter Veltroni. Die Polizei behauptete, dass es sich bei der Auseinandersetzung um eine Rauferei dummer Jungs gehandelt habe, bei der unglücklicherweise einer zu Tode kam. Veltronis erste Äußerung war die Beglückwünschung der Polizei zu ihrem raschen Erfolg und ihrer guten Arbeit.
Ab diesen Moment mussten wir gegen diese öffentliche Version ankämpfen. Und gegen diese öffentliche, staatliche Version kämpfen wir immer noch an. Und das müssen wir auch in Zukunft tuen, denn gerade hier in Italien wird der politische Gehalt solcher Überfälle negiert.
Wir machten unsere eigenen Untersuchungen und erstellten ein Dossier. Wir recherchierten mit wem die beiden Täter Kontakte und Beziehungen hatten. Welche Neigungen sie hatten. Was die Leute in Focene von ihnen wussten. Die Einwohner berichteten, dass die Täter und ihr Umfeld als gefährlich einzuschätzen sind. Wir fanden heraus, dass die Beiden nach der Tat in eine Bar flohen und sich dort auf der Toilette das Blut abwuschen. Eine Bar in der das Umfeld der Täter verkehrt. Eines der Messer, das was sie später haben finden lassen, versteckten sie in einem nahen Park. Anschließend fuhren sie weiter zu einer Freundin, um sich noch besser zu säubern, bevor sie nach Hause gingen.
Ich erzähle dieses, um zu zeigen, dass es einfach nicht sein kann, dass sie niemand im Stadtteil nach der Tat gesehen hat. Deshalb gehen wir auch davon aus, dass sie in einem Kontext und Milieu verkehrten, dass sie deckte. Einem Milieu, in dem es normal ist, dass jemand Linke angreift.



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