Am 24. April 2009 interviewten einige Mitglieder von Azzoncao Davides Mutter Rosa im Stadtteil Rozzano, einem der proletarischen quartiere am Rande Mailands, aus dem Davide stammte.

(Wir weisen darauf hin, dass wegen der Übersetzung das gesprochene Wort etwas „eingedeutscht“ wurde. Also Begriffe und Ausdrücke umgangssprachlich niedergeschrieben wurden. Ein herzliches Dankeschön hier noch mal an die Übersetzerin.
Des weiteren haben wir uns nur auf die Niederschrift des Gesagten konzentriert. Wie seine Mutter Rosa und der Bruder von Davide auf die Fragen reagierten und wie seine Mutter erzählte, war weit emotionaler, als der hier wiedergegebene Text es erscheinen lassen.)

Azzoncao: Wir möchten uns kurz vorstellen. Wir sind eine kleine Gruppe, die Erinnerungsarbeit macht. Wir haben bisher ein Interview mit Dario, dem Bruder von Renato Biagetti, in Rom und Mavi, der Mutter von Carlos Palomino, in Madrid gemacht.

Rosa: Die AntifaschistInnen aus Madrid waren jetzt im März in Mailand auf der Kundgebung für Davide.

Azzoncao: Wir hoffen in dem Interview die richtigen Worte zu finden.
Es gibt wenige Artikel in Deutschland, die sich mit den Vorkommnissen im März 2003 befassen. Wir möchten Sie bitten, die Ereignisse aus Ihrer Sicht zu schildern.

Rosa: Waren diese Artikel aus offiziellen Medien, mit der Version der Polizei, oder die Wahrheit?

Azzoncao: Es waren wenige Artikel, die in alternativen und linken Medien erschienen. Wir kennen keine Artikel, die in offiziellen Medien erschienen und die sich mit dem Tod von Davide befassen.

Rosa: Wir wurden damals um Mitternacht angerufen. Mein zweitältester Sohn, der hier sitzt, hat abgenommen. Ich habe nicht verstanden was los war. Mir wurde gesagt, dass etwas mit Davide passiert wäre, dass er im Krankenhaus liegt. Aber wir verstanden nicht genau, was passiert war. Wir hatten mit Davide noch um 20.00 Uhr gesprochen. Er war nicht zum Essen nach Hause gekommen, sondern wollte mit seinen Freuden eine Pizza essen gehen. Um 20.00 Uhr war alles ok und als um Mitternacht der Anruf kam, war es unmöglich an etwas Schlimmes zu denken. Wir hatten die Telefonnummer von einer Freundin von ihm und haben sie angerufen. Sie weinte die ganze Zeit am Telefon. Wir dachten an einen Unfall. Das was sie erzählte machte alles keinen Sinn. Wir fuhren zum Krankenhaus San Paolo und sahen dort die ganze Polizei. Ich fuhr mit meinem Mann und meinen beiden anderen Söhnen, der Jüngste war 8 Jahre alt, zum Krankenhaus. Die Polizei ließ uns durch. Und das macht es für mich auch so befremdlich, was später zwischen der Polizei und den FreundInnen von Davide passierte. Ich habe mich gewundert über die Situation, die ich dort vor dem Krankenhaus vor fand. Wie eine politische Demonstration. Es war eine Situation wie 2001 in Genova, die aufgebrachte Stimmung, die jungen Leute, die Polizei. Die Jugendlichen haben geweint und geschrien. Ich habe mich gefragt, was ist hier los? Ich konnte mich auch an keine Demonstration erinnern, die an diesem Tag angekündigt war. Alles war sehr unwirklich. Als wir das Krankenhaus betraten, war kein Patient zu sehen. Aber wir sahen Blut auf den Böden der Flure, eingeschlagene Scheiben und im Hintergrund waren immer diese schreienden Stimmen. Als wir nach Davide fragten, wurde uns gesagt, dass er tot sei. Ab diesen Moment habe ich Nichts mehr richtig wahrgenommen. 5 Tage lang habe ich Nichts mehr richtig wahr genommen. Mein beiden anderen Söhne habe ich erst einmal weggeschickt, weil es für sie sehr schwer war. Meinem Mann ging es auch sehr schlecht. Ich habe gar nicht richtig wahrgenommen, was sich draußen vor dem Krankenhaus noch abspielte. Das sich die Jugendlichen in so einem Konflikt mit der Polizei befanden, das habe ich erst danach mit bekommen. Als ich die Nachricht vom Tode Davides bekam, danach war es mir nicht mehr möglich etwas zu begreifen.



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