Der 16-jährige Carlos Yavier Palomino wurde am 11. November 2007 in einer U-Bahn in Madrid von einem 24-jährigen rechtsradikalen Berufssoldaten erstochen. Am 12. April 2009 interviewten einige Mitglieder von Azzoncao seine Mutter Mavi im Stadtteilladen „Asociacion de vecinas/os alto del arenal“ in Vallekas, dem Stadtteil aus dem Carlos stammte.

Wir weisen darauf hin, dass wegen der Übersetzung das gesprochene Wort etwas „eingedeutscht“ wurde. Also Begriffe und Ausdrücke umgangssprachlich niedergeschrieben wurden. Ein herzliches Dankeschön hier noch mal an den Übersetzer.
Des weiteren haben wir uns nur auf die Niederschrift des Gesagten konzentriert. Wie Mavi auf die Fragen reagierte und wie sie erzählte, war weit emotionaler, als der hier wiedergegebene Text es erscheinen lassen.)

Azzoncao: Um uns kurz vorzustellen: wir sind Mitglieder einer Antifagruppe, die Erinnerungsarbeit macht. D.h., dass wir versuchen über die faschistische Morde an GenossInnen zu berichten und Zeugen und Familienangehörige zu Wort kommen zu lassen. Das auch besonders im benachbarten europäischen Ausland.
Wir hoffen, dass wir mit unseren Fragen den richtigen Ton treffen, dass keine unserer Fragen ungebührlich sind.
In Deutschland war es vor ein bis eineinhalb Jahren sehr schwer, über den Mord an Carlos etwas zu erfahren. Können Sie uns etwas über Mord am 11.November 2007 erzählen?

Mavi: An diesem Tag wollte mein Sohn Carlos auf eine Demonstration gegen die faschistische Partei Democracia National (DN) gehen, die eine Demonstration gegen MigrantInnen veranstalten wollte. Carlos war 16 Jahre alt. Er gehörte zu keiner politischen Organisation, verstand sich aber als Antifaschist. Auf dem Weg zu der Demonstration im Stadtteil Usera, in der Metrostation Legazpi, kam es zu den Ereignissen. In der Metrostation warteten die ganzen AntifaschistInnen, um in die Metro zu steigen und zur Demonstration zu fahren. Bevor die U-Bahn hielt, konnte der Berufssoldat und Nazi, der später meinen Sohn erstach, sehen, wer in die U-Bahn steigen würde. Die ganze U-Bahnplattform war voll mit AntifaschistInnen, etwa 300 Personen. Als er sah, dass so viele Leute, die gegen seine Naziideologie waren, die U-Bahn betreten würden, präparierte er seine Waffe. Er hatte ein Kampfmesser bei sich und schob es in den Ärmel seiner Jacke, um es schneller ziehen zu können. Nicht speziell gegen Carlos, sondern gegen irgendeinen Antifaschisten.

Azzoncao: War der Mann wie ein Nazi angezogen, dass die Antifaschisten ihn sofort als Solchen erkannt hätten?

Mavi: Er war ganz normal angezogen. Allein ein Oberhemd der Marke Three-Stroke hatte er an. Als die U-Bahn anhielt und die Türen aufgingen, stiegen die AntifaschistInnen ein. Carlos stellte sich neben den Militär, bemerkte dessen Hemd und zeigte mit dem Finger darauf. Das nächste was passierte, war, dass dieser Mann das Messer Carlos in die Brust rammte und in das Herz stach. Der Zug war noch nicht abgefahren und die Waggontüren offen. Carlos wankte aus dem Waggon auf die Plattform zurück. Seine Freunde hatten von dem Angriff nichts mitbekommen und waren verwundert. Sie forderten ihn auf, wieder in den Waggon zu kommen, hielten seine Aktion für einen Scherz. Aber dann brach Carlos auf dem Bahnsteig zusammen. Er blutete stark aus seiner Wunde und die Leute bekamen mit, dass er angegriffen worden war. Es entstand ein großes Chaos. Durch die Geistesgegenwart des Zugführers, der die Aufregung am Ende des Zuges mitbekam, fuhr die Metro nicht weiter, sondern blieb stehen. Ein Teil der Leute eilte auf den Bahnsteig und begann, sich um Carlos zu kümmern, eine Ambulanz zu rufen und ähnliches. Andere versuchten, den Nazi an der Flucht zu hindern. (Anmerkung: In den neuartigen Züge der Madrider Metro sind die einzelnen Waggons nicht voneinander getrennt.) Alex, ein Freund von Carlos, hat sich getraut, auf den Mann zuzugehen, um ihm das Messer abzunehmen. Die Konsequenz war, dass auch er einen Messerstich in die Brust bekam. Der Stich traf die Lunge und Alex verlor durch die Messerattacke die halbe Lunge. Als Alex zusammenbrach, stellte sich der Berufssoldat vor den Antifas hin, provozierte sie und meinte sinngemäß „Wer will der nächste sein?“.(Die Antifas der CAdM ergänzten, dass noch eine weitere Person an der Hand verletzt worden ist.) Das Ganze passierte an einem normalen Sonntagmittag, wenn hier in Madrid alle Familien unterwegs sind mit ihren Kindern, Großeltern usw. In den anderen Waggons und auf dem Bahnsteig entstand eine Art Panik, die Leute flüchteten aus der Metrostation auf die Straße, einige zogen sich dabei Verletzungen zu. Als der Soldat mitbekam, dass die U-Bahn weder weiterfuhr, noch die AntifaschistInnen ihn gehen lassen wollten, nahm er sich einen Feuerlöscher und setzte diesen ein. Er besprühte die AntifaschistInnen und schaffte es bis zum Ausgang der Metro, dort holten die Freunde von Carlos ihn ein und schlugen ihn zusammen. In diesem Moment kam die Polizei und nahm ihn fest.



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